Ein Anruf aus dem 20. Jahrhundert

Wir Menschen heute telefonieren mit dem Smartphone oder mit dem Computer. Neuerdings sogar per Video. Das war natürlich nicht immer so, früher waren Festnetztelefone der Standard. In einer Doku habe ich kürzlich einen Bericht über Telefonistinnen gesehen. Ihre Aufgabe war es, Anrufe entgegenzunehmen und sie an die gewünschten Teilnehmer weiterzuleiten. Das war noch, bevor jeder Anschluss eine eigene Nummer hatte und per Direktwahl angewählt werden konnte. Diese Zeiten habe ich selber nicht mehr miterlebt. 

 

Bei uns waren am Anfang dafür noch die Telefone mit Wählscheiben in Gebrauch. Also die Telefone mit der Fingerlochscheibe. Meist hingen diese Dinger irgendwo im Gang draussen an einer Wand. Und wenn es klingelte, war das ganze Haus informiert, so laut war das. Der Hörer war mit einer Schnur mit dem Apparat verbunden. Durch die Wohnung zu spazieren war nicht. Später kamen dann die Tastentelefone und damit ein Hauch von Science-Fiction auf. 

 

Alle hatten so ein Tastentelefon bei sich zu Hause. Und die Nummern der Leute, mit denen man am häufigsten Kontakt hatte, konnte man auswendig. Die anderen notierte man sich ins Notizbuch. Oder aber es gab Telefonbücher. Die dünnen für die Gemeinde, in der man wohnte, die dicken für die ganze Region. Alle Nummern konnte man darin nachschlagen. Gibt es heute alles nicht mehr bzw. benutzt kein Mensch mehr. 

 

Denn irgendwann kam das Natel auf den Markt. Das veränderte alles. Plötzlich hatte man das Telefon in der eigenen Hosentasche dabei. Das machte vieles bequemer. Früher musste man unterwegs noch öffentliche Telefonkabinen aufsuchen und sich hierfür zum Beispiel in der Rekrutenschule in der Warteschlange anstellen. Ich mag mich auch noch an üble Fetzereien erinnern, weil zu Hause zum Teil zu lange telefoniert und damit die Leitung blockiert wurde. Mit dem Natel wurde alles anders. Wie sehr dieses Ding unser Leben verändern sollte, das hätten wir uns allerdings in den kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Heute ist für viele Leute das Smartphone das Utensil Nummer 1. Man ist fast ständig damit beschäftigt, weil man damit alles erledigen kann, was einem so in den Sinn kommt. 

 

Und ja mit diesen Wunderdingen kann man sogar auch telefonieren. Und deshalb haben die Festnetztelefone zu Hause de facto ausgedient. Heute merkt man sich auch keine Nummern mehr. Man wählt auf dem Handy einfach den Kontakt und zack ist man verbunden. Mehr aus Folklore besitzen wir zu Hause noch einen Festnetzanschluss. Er ist sowas wie der Xerdan Shaqiri unseres Haushalts: Er kommt nie zum Einsatz und ist längst etwas in Vergessenheit geraten. 

 

Deshalb haben wir uns heute Morgen auch verdattert angeschaut, als es plötzlich zwischen den Topfpflanzen klingelte. "Was kann das sein?", rätselten wir. Die Kinder waren etwas verängstigt ob des ungewohnten Krachs und wir Erwachsenen kramten in den Erinnerungen. Und dann kamen wir gleichzeitig auf die Idee: Festnetztelefon - und schon sprinteten wir los. Wir hechteten wie Manuel Neuer zwischen Ficus Elastica und Calathea Zebrina und waren gespannt, wer uns wohl auf diese altmodische Weise zu kontaktieren versuchte. Es war nicht Jeremias Gotthelf und auch nicht General Guisan. Am anderen Ende war mein Vater, der sich erkundigen wollte, wie es uns so geht.  

 

Merke: Wenn der Bundesrat die Massnahmen lockert, muss ich bei meinen Eltern dringend mal wieder ein Update machen. Dann machen wir dann mit Daddy einen schöne Zoom-Call, bevor er noch die Brieftauben losschickt.