Bis ich oben war kam der Winter

Das Stilfserjoch ist der Strassenpass schlechthin. 48 Kehren hinauf auf 2575 Meter. Der Sehnsuchtsort vieler Rennvelofahrer. Vor einigen Jahren habe ich diesen Anstieg auch hinter mich gebracht. Als ich unten in Santa Maria startete war Herbst, bis ich oben war Winter. Bei Schnee und Nebel schlich ich im Schritttempo die Strecke hoch. Kurve für Kurve. Dieser Anstieg wollte einfach nie enden. 

 

Irgendwann hatte ich es dann doch noch geschafft. Ein schönes Gefühl und ein Ereignis, welches in der Beiz gefeiert werden wollte. Ein Bier und ein Teller Spaghetti hat man sich nach dieser Anstrengung allemal verdient. Danach musste im Gipfelshop nur noch die Winterausrüstung gekauft werden: Jacke, Handschuhe, Winterreifen und Schneeketten. 

 

Das allerbeste am Stilfserjoch aber ist, dass man gratis auch noch den höchsten Schweizer Alpenpass mitnehmen kann. Auf der Abfahrt von Italien zurück in die Heimat kommt man am Umbrail auf gut 2500 Meter vorbei. Danach enden meine Erinnerungen, diese setzen erst wieder beim Kauf einer Engadiner Nusstorte im Dorf unten ein. 

 

Nach dem ich diese Woche euphorisch ein Bild von meiner ersten Ausfahrt nach Schwellbrunn veröffentlicht hatte, rufen die Kollegen jetzt schon "Stelvio". Sie lösen bei mir damit gemischte Gefühle aus. Einerseits sind da die schönen Erinnerungen, wie wir den misslichen Verhältnissen getrotzt und den Anstieg überwunden haben. Andererseits haben sich aber eben auch die Bilder eingebrannt, dass der Anstieg sehr lang ist. Heisst: trainieren, trainieren, trainieren. Zumal ich bei meinen Kollegen leise den Verdacht habe, dass sie mit Elektromotoren unterwegs sind. Nur so lässt sich erklären, dass sie immer so fröhlich summen auf dem Velo, während sie mich gnadenlos stehen lassen. 

 

Ich aber gehöre zur ehrlichen Sorge. Deshalb ist jetzt Training angesagt. Mit einem klaren Ziel vor Augen macht das auch gleich mehr Spass. Hiermit starte ich also feierlich das Stelvio-Projekt 2021. Damit wir uns recht verstehen, es startet erst morgen. Heute ist erst einmal Apero. Prost.