So schnell mutiert man zu Rabeneltern

Ausnahmsweise musste mein Sohn heute ganz alleine zu einem Anlass gehen. Das kommt sonst ja nie vor. Kinder werden heutzutage pausenlos von A nach B chauffiert. Angesichts des schönen Wetters hielten wir den rund ein Kilometer langen Fussmarsch aber für zumutbar. Damit beförderten wir uns allerdings in die Kategorie Rabeneltern. Sohnemann berichtete nämlich, dass er der einzige war, der zu Fuss nach Hause laufen musste. Alle anderen Kinder wurden abgeholt. 

 

Früher wäre das komplett undenkbar gewesen. Wollten wir nicht zu Fuss von A nach B laufen, dann mussten wir das Velo nehmen. Angenehm war das nicht immer. Im Dunkeln im Industriequartier unterwegs zu sein, war kein Schleck. Zumal man damals als Kind sowieso latent Angst haben musste, entführt zu werden - es waren die 80er, wir erinnern uns mit Schrecken. Über 20 Kinder und Jugendliche wurden damals entführt oder getötet. Manche werden bis heute vermisst.

 

Als Kinder hätten wir damals also durchaus Verständnis aufgebracht, wenn uns unsere Eltern hätten herum chauffieren wollen. Fand aber nicht statt. Und so waren der Frühlingsbeginn und die Umstellung auf Sommerzeit jeweils ein besonderes Highlight. Dann war es am Abend länger hell und die Angst kleiner. 

 

Die Selbstständigkeit hatte aber auch positive Seiten. So hatte man wenigstens nicht immer die Erwachsenen im Nacken, und genoss dementsprechend Freiheiten. Wir konnten als Kinder auch einmal alleine mit dem Velo in die Badi in der Nachbargemeinde fahren. Kümmerte eigentlich keinen. Bei meinen eigenen Kindern wäre mir da mulmig. Man denke nur an den ganzen Verkehr. Auch mit dem Zug durfte ich bedenkenlos ganz alleine nach St. Gallen oder Bern fahren. Das einzige was eingeübt wurde zu Hause war, wie man ein Billett kauft am Schalter. "Ä halbs St. Gallen retour!" Damit war gleichzeitig auch klargestellt, dass uns die Eltern retour erwarteten.

 

Ja, das waren noch Zeiten damals. Kam ausnahmsweise trotzdem einmal das Auto zum Einsatz, dann hiess es im Kofferraum Platz zu nehmen. Wenn schon, dann wurde nämlich der Karren mit dem ganzen Quartier vollgemostet. 

 

All das tönt für unsere Kinder fast surreal - genauso wie sie sich nicht vorstellen können, dass es damals keine iPads gab. Aber das war damals so. Dass sie heute überall hinchauffiert werden, dafür können sie nichts. Dafür sind schon wir Eltern verantwortlich, also wir, die nostalgisch an die vergangenen Zeiten zurückdenken.