Der Voodoo-Trainer hext beim Pausentee

Eigentlich ein Fall fürs Phrasenschwein: Wann immer ein Reporter der Pausenansprache des Fussballtrainers eine Wunderwirkung zu schreibt, dann sollte er Geld für einen guten Zweck spenden. Die ganze Zeit sagen die Reporter Sachen wie "da muss es aber laut geworden sein in der Pause in der Kabine", wenn eine zuvor schläfrige Mannschaft nach dem Seitenwechsel besser spielt. 

 

Auch heute Nachmittag wurden in der Bundesliga-Konferenz im Radio wieder diese Plattitüden verbreitet. Als ob die Trainer in der Pause in der Kabine immer toben würden, um die Mannschaft auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Als ob man permanent auf die Spieler einschreien müsste, damit diese Leistung zeigen.

 

Wie es wohl bei diesen Journalisten in der Redaktion aussieht? Schreit da auch permanent ein Chef rum, damit die Reporter Höchstleistungen am Mikrofon zeigen? Wohl eher nicht. Ein Chef muss heute schon etwas mehr auf der Pfanne haben als nur ein lautes Stimmorgan. Sonst gäbe es wohl schnell eine Meuterei. Das Argument "äs isch eso und fertig!" zählt nicht mehr.

Gute Chefs sind heutzutage Überzeugungskünstler und keine Kommandanten.  

 

Und so kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass in den Bundesliga-Kabinen in der Pause jeweils permanent getobt wird. Fakt ist: Ich war dort noch nie Mäuschen. Aber das sind alles hoch bezahlte Spieler, alle mit Talent gesegnet. Sie sind nicht aus Zufall in der Bundesliga gelandet, sondern weil sie seit der Kindheit Stunden über Stunden dafür investiert haben. Alle mit einer gehörigen Ladung Ehrgeiz im Tank. Und dann braucht es eine gesalzene Kabinenansprache von Hansi Flick, damit die Bayern-Spieler gegen Frankfurt in der zweiten Halbzeit eine bessere Leistung zeigen? Das ist doch Blödsinn. 

 

Aber auch im hochkommerziellen Arena-Fussball spielt Folklore immer noch eine grosse Rolle. Und zur Folklore gehört eben auch das Bild des "tobenden Trainers". Und so ist die Bundesliga-Konferenz auch immer noch etwas Musikantenstadl.