Es geht wieder aufwärts

Zur Sorte der ganz Vergifteten gehöre ich nicht, das frühlingshafte Wetter nehme ich aber mit Freude zur Kenntnis. Denn somit locken die ersten Ausfahrten auf dem Rennrad. Durch die Gegend zu strampeln, das ist etwas Schönes. Gerade im Frühling, wenn es noch nicht brütend heiss ist und die Natur nach dem langen Winter erwacht. Fast täglich kann man mitverfolgen, wie immer mehr Blumen und Bäume blühen. Das kann man freilich nur, wenn man sich auch etwas Zeit nimmt, den Blick in die Gegend schweifen zu lassen. 

 

Lange Zeit habe ich deshalb Radcomputer und Handy zu Hause gelassen. Hat man nämlich etwas dabei, womit man die Leistung messen kann, nimmt plötzlich der Wettbewerb die Überhand, was ja völlig doof ist. Ob man jetzt eine Strecke zwei Minuten schneller oder langsamer zurücklegt, ist eigentlich völlig egal. Jedenfalls solange man ein Hobbypilot wie ich ist. Aber auch ich kenne dieses Fieber, diese Sucht auf Strava immer bessere Abschnittszeiten zu erreichen. Dabei bin ich von den Besten ja sowieso Lichtjahre entfernt. 

 

Und so macht man sich sogar in der Freizeit mit diesem Leistungsdenken Stress. Dabei sollte die Erholung im Vordergrund stehen, der Aufenthalt in der schönen Natur. Diese kann man bei uns ja glücklicherweise noch erleben. Auf den Nebenstrassen muss man nicht ständig hinter irgendwelchen Auspuffen herfahren. Man hat Ruhe. Jedenfalls solange nicht irgendein Töfffahrer mit Überschall angeschossen kommt. Auch sie lieben die kurvigen Nebenstrassen in unserer Hügellandschaft. Polizei und Radaranlagen sind weit entfernt. Hier kann man Gas geben. 

 

Für den Radfahrer, der langsam und bedächtig die Rampe hochfährt und während dem Trampen fast meditativ in Gedanken versunken ist, ist es jedesmal ein Schock, wenn plötzlich ein Motorrad einem knapp an der Wade vorbeirauscht. Aber so ist das halt, auch die Radfahrer sorgen nicht überall für Freude. Und doch müssen wir irgendwie den Lebensraum miteinander teilen. 

 

Meine erste Fahrt wird wie immer hinauf ins Nachbardorf Schwellbrunn gehen. Da hat es schon einen kurzen Anstieg drin und man kann mal schauen, wie es so geht nach dem langen, langen, langen, langen, sehr langen Winter. Und in der Regel geht es Anfang Saison eben nicht so geschmeidig. Schon nach wenigen Kehren könnte man jeweils laut fluchen, weil der Weg bis oben unendlich scheint. Aber eben: kein Stress. Soll doch die ganze Welt in Hektik ausbrechen, auf dem Velo muss man gelassen bleiben und Kurbelumdrehung um Kurbelumdrehung nehmen. Und wenn alle Stricke reissen, kann man sich ja immer noch an den Strassenrand stellen und etwas die Natur geniessen. Etwas zu schauen, gibt es immer. 

 

Gespannt bin ich beispielsweise schon jetzt, wie es auf dem Tüfenberg aussieht. Dieser liegt zwischen Schönengrund und Urnäsch. Und der Anstieg ist die nächste Steigerung zu Schwellbrunn. Und es ist einfach schön da oben. Diese Natur, traumhaft. Ausserdem ist man in der Regel fast mutterseelenallein unterwegs, nur ganz selten kommt einem ein Subaru oder Mitsubishi entgegen. Früher gab es oben auf der Passhöhe noch eine Beiz. Heute muss ein Schluck Wasser aus dem Bidon reichen. Aber Beizenstopp ist im Moment ja sowieso nicht angesagt. Dabei gehört das doch zum Genuss auch dazu. Was gibt es zum Beispiel Schöneres, als nach der Fahrt den Ruppen hinauf auf dem St. Anton einen Nussgipfel zu geniessen?  

 

Ach, ich muss gleich die Pumpe suchen. Morgen geht es aufs Velo. Wahrscheinlich fluche ich dann zwar unterwegs, wenn der Weg nach Schwellbrunn unendlich erscheint. Aber das kann ja dann sowieso keiner hören, die Töfffahrer sind sicher aber parat bei diesem Wetter. Helm auf.