Auch in den alten Zeiten war nicht alles gut

In Appenzell Ausserrhoden ist die Landsgemeinde schon längst Geschichte. Bei den Erinnerungen an diesen Anlass schwingt immer auch Wehmut mit. Die Landsgemeinde fehlt. Und trotzdem ist wohl besser, dass 1997 dieser Schnitt gemacht worden war. Denn auch in den alten Zeiten war nicht immer alles gut. 

 

Aus heutiger Sicht kann man ja beispielsweise kaum nachvollziehen, warum den Frauen bis 1989 im Kanton das Stimmrecht verwehrt wurde. Als wären die Männer etwas Besseres. Dabei hatte zu dieser Zeit die Moderne längst Einzug gehalten. Der erste Mondflug war immerhin bereits 20 Jahre vorher. Die Amis konnten damals also ihre Füsse auf den Mond setzen, die Appenzeller Frauen ihre aber nicht in den Landsgemeinde-Ring. Man findet aus heutiger Sicht schlicht kein überzeugendes Argument, das gegen das Frauenstimmrecht gesprochen hat. Und doch wurde wie wild debattiert, Pro und Kontra ausgetauscht. 

 

Bevor man vorschnell urteilt, muss man allerdings hinterfragen, welches in der heutigen Zeit die Themen à la Frauenstimmrecht sind. Themen also, gegen die wir uns sträuben. Themen aber, die für spätere Generationen selbstverständlich sind. Wo die Jungen über uns Alten höchstens den Kopf schütteln werden, weil wir so ignorant waren. 

 

Solche Themen gibt es wohl auch heute noch zuhauf. Vielleicht sind es das Stimmrechtsalter 16, das Ausländerstimmrecht, das Rahmenabkommen, das Festhalten an den heutigen Gemeinde- und Kantonsstrukturen, die Burka, der Umgang mit der Corona-Krise, die Lohngleichheit, die Homo-Ehe. Zu alles hat man eine Meinung. Die Geschichte lehrt aber, dass diese Meinung nicht immer richtig sein muss. Irren ist menschlich. Deshalb wünscht man auch all jenen eine Portion Demut, welche die Weisheit mit Löffeln gefressen haben. 

 

Es mag ein alter Zopf sein, dass der Ausserrhoder Kantonsrat am Anfang der Sitzung jeweils betet: 

 

Allmächtiger Vater, wir bitten um Deinen Beistand. Gib Du, dass wir stets den rechten Rat zum Wohle aller finden. Lass uns reich sein an Einsicht und Erkenntnis zu der Aufgabe, die uns übertragen ist, und belebe Du uns, dass wir alle treu und wahr zu dem stimmen, wozu das Gewissen uns mahnt. Zerstreue jeden Wahn, der uns täuschen, und jede Bedenklichkeit, die uns einschüchtern möchte...

 

Aber wenigstens spricht aus diesen Worten eine gewisse Demut mit. In Sachen Frauenstimmrecht freilich hat es reichlich lange gedauert, bis Einsicht und Erkenntnis einkehrten. Aber, besser spät als nie.