Wenn einem Stadtkids auf den Sack gehen

Wenn man nach einer Woche wieder von den Bergen hinuntersteigt, muss man sich erst wieder an die Gepflogenheiten im Tal unten gewöhnen. Spätestens in Zürich reist man in eine andere Schweiz ein. In die Schweiz der Krassen. Im Familienwagen haben sich die Stadtkids versammelt, natürlich tragen alle keine Maske. Die Musik auf laut gestellt, die Dialoge idiotisch, einer schaufelt ein stinkendes Curry in sich rein, ein anderer hat lässig einen Joint zwischen den Lippen. Immerhin stellt sich bald heraus, dass sie nur bis zum Flughafen müssen. Dort müssen sie sich nämlich mit Alkohol eindecken - Jack Daniels mögen sie besonders gerne. 

 

Ich weiss nicht wieso, aber heute sind mir im Zug diese roten Hämmer aufgefallen. Bis jetzt dachte ich immer, dass die für den Notfall bestimmt sind, damit man die Fenster einschlagen kann. Vielleicht sind diese Hämmer aber auch für pädagogische Zwecke gedacht. Muss mal beim SBB-Kundendienst nachfragen. 

 

Klar, auch wir waren mal jung. Aber das waren noch ganz andere Zeiten. Im Zug haben wir kein scharfes Curry gegessen, allerhöchstens Sandwiches. Laut Musik hören, gab es nicht. Und wenn doch, dann wäre es noch richtige Musik gewesen. Die Dialoge waren selbstverständlich gehaltvoll, weil wir damals noch Zeitung und Bücher gelesen haben. Den Leuten sind wir nicht auf den Sack gegangen, sondern haben ihnen beim Ein- und Aussteigen geholfen. Denn auch die Züge hatten damals noch ein anderes Niveau. 

 

Und an all die Sachen, welche die Kids heute treiben, hätten wir früher gar nicht gedacht. Sie wissen schon... Wollten wir mal das Bild einer nackten Frau sehen, dann mussten wir vorher erst ein halbes Jahr in den Malkurs. Die Talentierten brachten mit etwas Geschicke eine Aphrodite in Neocolor zustande. Die anderen hatten halt Pech gehabt. 

 

Heute trifft man dieselben Leute samstags auf dem Schiessplatz wieder. Dann erzählen wir uns von unserern Töchtern, die bald ins Teenager-Alter kommen. Wir stellen uns vor, wie sie in die Stadt in die Disco gehen, werden aber in unseren Gedanken durch das Kommando "Laden" unterbrochen. Dann knallt es laut - und dann herrscht Ruhe. 

 

Und Ruhe herrscht zum Glück bald auch im Familienwagen wieder. Denn nach wenigen Minuten ist der Flughafen erreicht. Die Stadtkids ziehen ihre Kapuzen über. Und irgendwie erinnern sie dabei rein optisch ganz ein klein wenig an Züri Säcke.