Die Welt in weisse Watte gepackt

Eigentlich bin ich ja nicht so ein Bergmensch. Aber hier oben auf der Riederalp werde sogar ich schwach. Das Panorama ist gigantisch. Auf der einen Seite sieht man den Aletschgletscher, auf der anderen die mächtigen Berge. Sogar das Matterhorn scheint zum Greifen nah. Jetzt, wo die Gipfel weiss eingehüllt sind, sehen sie gleich noch besser aus. 

 

Anfang Woche konnte dieses Panorama höchsten erahnt werden. Das Wetter war schlecht. Es schneite die ganze Zeit und die Sicht reichte bisweilen nicht einmal bis zur nächsten Weissweinflasche. Umso toller war es dann aber, als sich eines schönen Morgens die volle Pracht offenbarte. Da setzt man sich schon einen Moment ans Fenster, um die Kulisse zu geniessen. 

 

Überhaupt war vor unserem Fenster immer viel los. Die Piste führte direkt am Haus vorbei zur Talstation der Moosfluh-Bahn. Wir konnten zum Beispiel beobachten, wie die ersten Leute bereits gut 20 Minuten vor Betriebsstart sich in die Warteschlange stellten. Freilich war es zu dieser Zeit noch keine Schlange. Manche Leute legen offenbar viel Wert darauf, die ersten auf der Piste zu sein. Was man ja durchaus verstehen kann, eine "frische" Piste ist einfach ein Genuss. Aber extra 20 Minuten vorher am Lift anstehen, ohne mich. Ich stehe nicht gerne an. 

 

Anstehen, das war in diesem Jahr aber unvermeidlich. Wegen Corona wurde schon auf mehr Abstand geachtet. Und die Leute haben beim Anstehen auch brav eine Maske getragen. Allzu grosse Sorgen, hier an der frischen Luft das Virus aufzulesen, hatte ich nicht. Die Leute passten in der Regel schon auf. Und wenn nicht, war schnell ein Arbeiter zur Stelle, der für Ordnung sorgte. 

 

Und überhaupt, auch wenn die Schlange zeitweise etwas länger war, so muss man heutzutage ja trotzdem nicht lange warten, bis man sich auf den Sessel setzen kann. Den 6er- und 4er-Liften sei Dank. So legendäre Nummern wie früher vom Cabarett Rotstift - "ufschlüsse Kollege" - wären heute undenkbar. Die Wartezeit lässt kaum Konversationen zu. Und sowieso will man sich ja mit niemandem austauschen. Weil keiner Lust auf den scheiss Käfer hat. 

 

Und so schien man in dieser eingeschneiten Welt für einige Tage weit weg vom normalen Alltag. Man kann sich hier oben kaum vorstellen, dass es im Tal unten schon fast Frühling ist. Und dass wir gerade eine der grössten Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg erleben. Am Anfang hatte ich ja noch Zweifel, ob wir überhaupt in die Ferien fahren sollen. Jetzt kann ich sagen: Eine Woche heile Welt hat ganz gutgetan.