Gewisse Charakterunterschiede sind nicht wegzudiskutieren

Ich bin ein Schönwetterfahrer. Im Nebel auf der Skipiste unterwegs zu sein, bereitet mir kein Vergnügen. Im Gegenteil: Mir wird fast speiübel. Aber: Heute hat mich einerseits das Wetter und andererseits die Hoffnung auf dem falschen Fuss erwischt. Am Morgen hat es nämlich nicht mal schlecht ausgesehen. Die Sicht war eigentlich gut, es war sogar Morgenrot zu sehen. Deshalb haben wir voller Zuversicht Skipässe gekauft. Wie wir inzwischen wissen, soll man das online machen. Also haben wir uns hingesetzt und all die Zahlen für die Key-Card eingegeben. Das dauerte eine Weile - mit bösen Folgen. Je länger wir in der Wohnung waren, desto schlechter wurde das Wetter.

 

Aber was soll man machen? Die Tickets waren gelöst, also blieb uns nichts anderes übrig, als doch auf die Piste zu gehen. Auch wenn ich - wie erwähnt - überhaupt nicht gerne im Nebel unterwegs bin. Für einmal bereute ich es auch, stets mit einer Strand-Sonnenbrille unterwegs zu sein, als mit einer Skibrille. Zwar sah ich mit der Brille wohl cool wie "Gigi-macht-i-d-Hose" aus, die Sicht war aber gleich null. Es bildeten sich Kristalle und ich pflügte mich im Blindflug im Stemmbogen die Piste runter. Meinen Buben ging es wohl etwas zu wenig schnell vorwärts, denn sie überholten mich immer wieder. 

 

Natürlich wies ich sie sofort an, nicht so zu rasen. Wie hier auf der Riederalp aktuell zu beobachten ist, neigen wir Ostschweizer Papis dazu, als Fahrlehrer für unsere Kinder zu fungieren. Allenthalben stoppen Väter ihre Kinder, um ihnen wertvolle Hinweise zu geben. Hier sollen sie auf die anderen Fahrer aufpassen, da auf eine steile Passage oder dort auf die richtige Wegverzweigung. Man meint es ja nur gut mit den Kleinen. Auch wenn wir Ostschweizer Papis es vielleicht ein wenig übertreiben mit unserem Spassbremsentum. Was mich betrifft, bin ich ehrlicherweise einfach bloss froh, wenn ich irgendwo anhalten und kurz verschnaufen kann. Im Nebel zu fahren, ist echt kein Spass. Irgendwann habe ich dann auch die Sonnenbrille abgezogen. Worauf mir fiese Schneeflocken in die Augen geflogen sind. Das hat im Fall voll weh getan. Sniff.

 

Und ob der Unbill habe ich schliesslich angeordnet, den Skitag zu unterbrechen und bei nächster Gelegenheit in die Wohnung zurückzukehren. Dort habe ich dann auf Frau und Töchterchen gewartet, die etwas länger unterwegs waren, weil Töchterchen noch Lernfahrerin ist. Als sie dann endlich beim Haus auftauchten - die Piste liegt direkt daneben - war ich ich ehrlich gesagt erleichtert. Sie hatten den Horror gottlob heil überstanden. Eilig stürzte ich auf den Balkon, um sie zu informieren, dass wir schon im Haus sind. Natürlich hatte ich erwartet, dass sie bei derart miesen Wetterverhältnissen auch Übungsabbruch machen. Denkste. Meine Frau - sie stammt ursprünglich aus dem Wallis - stand mit einem breiten Lachen im Gesicht da - und das Töchterchen ebenso. Ihnen hatte die Fahrt Spass gemacht und sie dachten nicht einmal daran, schon in die Wohnung zurückzukehren. 

 

Allzu überrascht hätte ich freilich nicht sein müssen. Beim Skifahren trennen meine Frau und mich Welten. Ein gelungener Skitag ist für sie, wenn es mit der ersten Bahn auf den Gipfel geht. Und dann wird bis Betriebsschluss gefahren - und das am liebsten ohne Pause. Schliesslich will das Billett ausgefahren sein. Meine Devise hingegen ist gemütlich ausschlafen, irgendwann auf die Piste, eine gemütliche Fahrt und dann - wenn nicht gerade Corona ist - ab in die Beiz. Nach der Beiz nochmals ein, zwei Fahrten und dann Feierabend. Weil diese zwei Haltungen schwer miteinander zu kombinieren sind, ist die Riederalp für uns perfekt. Dann kann meine Frau auf der Piste rumblochen und ich zu Hause kochen. 

 

Ganz ohne Konflikte geht allerdings auch das nicht. Als wir als "happy Familie" gemeinsam unterwegs waren, habe ich nämlich von ihr einen ordentlichen Anschiss kassiert. Wieder einmal hatte ich die Kinder am Pistenrand versammelt und ihnen die Unterschiede zwischen den blauen und den roten Pisten erklärt. Darauf wies mich meine Frau zurecht, dass die Unterscheidung zwischen blauen und roten Pisten so ein "scheiss Grüezi-Ding" sei.  (Als "Grüezi" bezeichnen die Walliser die Deutschschweizer.) Kein Walliser würde zwischen blauen und roten Pisten unterscheiden, weil das ja überhaupt keine Rolle spiele. Man müsse einfach den Hügel runterfahren. Für diese Standpauke hat meine Frau von den Wallisern spontan Applaus erhalten. Die Ostschweizer Kinder hingegen fragten ihre Väter verdattert: "Du Papi, wa hätt d Frau gseit?" 

 

Nun: Zum Glück versteht man die Walliser nicht immer so gut. Ich aber hatte verstanden. Morgen gibt's übrigens Älplermagronen.