Eine Lügengeschichte

Seit meinem gestrigen Beitrag melden sich viele junge, hübsche Frauen bei mir. Sie wollen mit mir Cabrio fahren. Neidisch? Es gibt keinen Grund dazu. Das ist nur eine Lüge. Weder melden sich die jungen Frauen bei mir, noch habe ich ein Cabrio. Anbieten könnte ich höchstens einen Citroën. Auf der Rückbank hat es Kindersitze und jede Menge Brosmen. So ein Familienauto ist ja auch ein Speisewagen. Da ist ein Cabrio schon praktisch. Es gibt nur Platz für Mann, Frau, kleine Tasche. Die Krümelmonster bleiben zu Hause. 

 

Aber um Herzlosigkeiten geht es heute nicht, sondern um Lügen. Wobei da manchmal ja nicht so ein grosser Unterschied ist. Jemanden schamlos zu belügen, kann ziemlich herzlos sein. Irgendwo im Netz habe ich aber gelesen, dass lügen normal ist. Ein Erwachsener lüge rund 200mal am Tag. Eine Zahl, die ich schier nicht glauben kann. Ein handelsüblicher Mann spricht ja am Tag vielleicht 300 Worte (Lüge!). Darin müssten ja dann 200 Lügen enthalten sein. Ganz schön viel. Bereits beim "Guten Morgen Schatz!" müsste man skeptisch werden. Es dürfte sich um eine handfeste Lüge handeln. Entweder beim "Guten Morgen" oder beim "Schatz" - vermutlich aber sogar bei beidem zusammen. 

 

Bei den Frauen sieht das natürlich etwas besser aus. Sie reden täglich etwa 3 Millionen Worte (Lüge!). Prozentual müsste der Lügen-Anteil also tiefer sein. Aber selbstverständlich ist auch hier Skepsis angebracht. Wenn sie zum Beispiel wortreich erklärt, dass Mann bitteschön die stinkigen Socken nicht auf dem Sofa liegen lassen soll, sondern dass diese in den Wäschekorb gehören, dann dürfte es sich höchstwahrscheinlich auch hier um eine Lüge handeln. Kann ja fast nicht anders sein. In Tat und Wahrheit will die Frau damit vermutlich sagen, dass sie vom "Guten Morgen, Schatz!" sehr geschmeichelt ist, und dass es ihr selbstverständlich viel Genuss bereitet, selber die stinkigen Socken in den Wäschekorb zu legen. 

 

Mit diesem Wissen im Hinterkopf sollte Mann also nicht immer gleich kleinbegeben. Es gilt die Sinne für solche Situationen zu schärfen und Lügen zu erkennen. Denn insgeheim macht man den Leuten so ein Freude. Würde der Mann in besagtem Beispiel auf die Lüge hereinfallen, hätte dies fatale Konsequenzen. Ganz Gewiss hätte die Frau insgeheim nämlich ein schlechtes Gewissen. Mit fatalen Folgen: Als Kinder haben wir ja gelernt, dass Lügen "schwarze Tupfen" im Herz hinterlassen. Aber natürlich ist auch dies eine Lüge. Bei 200 Lügen täglich würden die Kardiologen sonst ja das Schicksal mit den Lokführern am Lötschberg-Autoverlad teilen. Beide hätten ganz schön finstere Aussichten. 

 

Vielleicht nehmen wir die ganzen Lügen auch gar nicht so tragisch. Wir sind abgehärtet und immun gegen schwarze Tupfen im Herzen. Manchmal ist es auch besser, mit der Wahrheit hinter dem Zaum zu halten. Schliesslich will man seine Mitmenschen nicht verletzen. Und drum bleiben als Zeichen der Solidarität meine stinkigen Socken heute Nacht auf dem Sofa (Lüge! Natürlich folge ich meiner Frau aufs Wort).