Jetzt erhalte ich die Quittung

Man kann den Verkäufern durchaus eine gewisse Hartnäckigkeit attestieren. Seit Jahren fragen sie nach dem Einkauf, ob ich eine Quittung möchte. Seit Jahren kassieren sie von mir ein "Nein!". Manchmal aber drücken sie einem den Beleg auch ungefragt in die Hände. Dann wandert dieser entweder direkt im nächsten Abfalleimer oder er wird in einer Jacken- oder Hosentasche auf unbestimmte Zeit zwischengelagert. Das ist immer noch besser als jene, die den Zettel einfach im Einkaufswagen zurück lassen. Das ist wohl die Sorte Menschen, die auch die Gesichtsmaske oder ihre Zigarettenstummelsammlung einfach irgendwo hinschmeissen. Eine Geste der Respektlosigkeit. So als wollten uns diese Leute sagen: "Fickt euch!" Jedenfalls empfinde ich das so. Aber das ist eine andere Geschichte. 

 

Jedenfalls habe nie Kassenbons gesammelt. Wozu auch? Ich halte mich da an den ZüriWest-Song, in dem es heisst: "Solang Chohle chunnt, wämmer s Chärtli ineloht, isch es jo nöd emol so schlecht." Mehr braucht man über den Stand der Finanzen ja auch nicht zu wissen. 

 

Seit einigen Wochen stelle ich bei mir aber eine Veränderung fest. Ich entwickle einen Hang zur Erbsenzählerei. Vielleicht kommt es, weil man die Kohle immer einfacher ausgibt. Hier rasch per Twint ein paar Franken weg, da mit QR-Code etwas bezahlt oder schwudiwups mit der Karte einen Einkauf getätigt. In den Corona-Zeiten hat man sich angewöhnt, kein Bargeld mehr zu brauchen. Vorher war das schon noch etwas anderes, wenn die sauer verdienten Scheine immer weniger wurden im Portemonnaie, hat man jeweils einen gewissen Verlustschmerz verspürt. Partir c'est mourir un peu.

 

Und weil die Kohle heute so locker ausgegeben ist, begann ich vor ein paar Wochen bewusster auf die Ausgaben zu achten. Dadurch entwickle ich ganz neue Neigungen. Beispielsweise doziere ich beim Abendessen über Sparsamkeit. Wenn den Kindern eine elektrische Zahnbürste besorgt werden soll, gibt es einen Vortrag. Sollen teuere Skiferien gebucht werden, gibt es einen Vortrag. Wird der Teebeutel nur einmal benutzt, gibt es einen Vortrag.  Ich denke, Frau und Kinder lieben diese Vorträge. Schliesslich können sie so viel lernen in Sachen Sparsamkeit. Hüt en Rappe, morn en Rappe git e schöni Zipfelchappe.

 

Wobei, eine Zipfelmütze brauche ich im Moment gar nicht. Keine Zeit für Outdoor-Aktivitäten. Neuerdings führe ich nämlich sogar eine Buchhaltung.  Hätte mir das jemand vor ein paar Monaten vorhergesagt, dann hätte ich ihn für verrückt erklärt. Aber das hätte ich auch, wenn er mir gesagt hätte, dass ich beim Bankbesuch bald eine Gesichtsmaske tragen werde. Jedenfalls trage ich nun viel Eifer und Gewissenhaftigkeit trage in den Spalten die Zahlen ein. 

 

Und endlich werden auch die Verkäufer für ihre Hartnäckigkeit belohnt. Auf die Frage, ob ich die Quittung will, gibt es jetzt ein herzhaftes "Ja!". Noch bevor die Einkäufe im Kühlschrank verstaut werden, wird zu Hause die Buchhaltung nachgeführt. Ordnung muss sein. Ich fühle mich schon wie ein Familien-CEO. Zur Kostenoptimierung wird jetzt dann vielleicht bald ein Kind verkauft.