Frau Holle gibt Vollgas

Heute gab es ganz viel Schnee in der Ostschweiz. Man möchte natürlich ganz cool sagen, dass so ein Wintereinbruch nichts Aussergewöhnliches ist. Aber so einfach ist das heute nicht. Es gab vergleichsweise wirklich verdammt viel Schnee. Auf der Strasse herrschte heute Morgen Chaos. Für die gut 10 Kilometer von Herisau nach St. Gallen benötigte ich über eine Stunde. Auf der Autobahn ging es nur im Schritttempo vorwärts. Und auch abseits der Autobahn sah es nicht besser aus. Lastwagen spulten, Lieferwagen spulten, Autos spulten. Nur die Allradfahrer waren happy. Für sie war heute wie Geburtstag und Weihnachten zusammen. Wenn der Verkehr stockt, kommen freilich auch sie nicht schneller vorwärts. Heute brauchte es Geduld - und Schal und Zipefelmütze konnte auch nicht schaden. 

 

Wenn es so richtig schneit, ist es fast wie Lockdown. Erst herrscht Chaos, doch dann wird es allmählicher ruhiger. Das Tempo drosselt sich. Der Verkehr nimmt ab und der Schnee hüllt alles in einen weissen Mantel. Alle erzählen von früher, wo solche Wintertage an der Tagesordnung waren. Damals hat man noch von Hand Schnee geschaufelt. Ja gut, das tut man auch heute noch. Ganz praktisch, jetzt wo die Muckibude geschlossen ist. Dann kann man wenigsten etwas die Schaufel auf und ab hieven. Die ganz Harten tragen dabei vielleicht wie im Fitnessstudio ein ärmelloses T-Shirt. Schliesslich wollen die Muskelberge  präsentiert werden. 

 

Ich trage lieber Mantel. Und verfange mich ständig in den Dornen des Rosenbusches. Die Äste hängen tief wegen des vielen Schnees. Meine Frau befürchtet schon fast, dass ich seltsame Neigungen entwickelt habe. Dabei schaufle ich bloss die Piste frei vom Hauseingang bis zum Gartentor. Dort kann man jeweils, alles blitzblank putzen. Fünf Minuten später fährt bestimmt der Schneepflug vorbei und sorgt für eine Mauer vor dem Gartentor. Könnte man im Homeoffice bleiben, wäre das kein Problem. Irgendwann bei Tauwetter käme bestimmt der Mauerfall. Weil das aber nicht möglich ist, hilft nur weiter schaufeln. Die armen Kinder. Aus Mitleid erzählt ihnen Papa dafür am Abend die Sage von Sisyphus. 

 

Sisyphus war dieser Grieche, der zur Strafe immer wieder einen Stein den Berg hinauf rollen musste. Immer wieder entglitt ihm der Stein. Die Aufgabe schaffte er nie. 

 

In den nächsten Tagen soll es weiter schneien. Wer weiss, vielleicht gibt es am Wochenende auch noch etwas Sonnenschein. Das wäre toll. Sonne und eine verschneite Landschaft. Winterwunderland. Da nimmt man sogar in Kauf, dass es auf der Strasse auch einmal etwas länger dauert. Solche Tage sind auch in der Schweiz in den meisten Orten mittlerweile eine Seltenheit.  Gerade deshalb sind sie so besonders - so besonders schön.