Spätestens am Hundschopf fliessen die Tränen

Früher waren die Skirennen jeweils noch ein Highlight. Damals in den 80er-Jahren nahm man jeweils nach der Schule noch die Füsse unter die Arme, um pünktlich zum Start zu Hause zu sein. Zurbriggen, Müller & Co. sorgten mit unzähligen Siegen für Euphorie im Land. Mit den Jahren wurden die Schweizer immer langsamer und die Euphorie ebbte ab. Jedenfalls bei mir. Heute schaue ich kaum mehr ein Rennen an. 

 

Einzige Ausnahme ist jeweils im Januar die Lauberhorn-Abfahrt. Freilich finde ich die Vorberichterstattung jeweils fast interessanter als das Rennen selber. Beim Anblick der Winterlandschaft um Eiger, Mönch und Jungfrau schlägt das Patriotenherz besonders heftig. Wohnen wir nicht an einem wunderschönen Flecken?

 

Spätestens, wenn die Fahrer über den Hundschopf fliegen, fliessen die Tränen. Dermassen schön ist es. Was für ein Sprung. Eine kleine Lücke zwischen den Felsen und dann geht es ab ins Bodenlose. Für mich der schönste Sprung im Weltcup-Zirkus. Aber eben, allzu viele Sprünge kenne ich ja auch wieder nicht.

 

Manchmal schaue ich auch schnell beim Rennen in Kitzbühel rein. Das ist aber dermassen spektakulär, dass ich gar nicht zuschauen mag. Ich mag es nicht, wenn die Skifahrer wie ein Gummiball über die Piste fliegen und im schlechtesten Fall erst von einem Sicherheitsnetz aufgefangen werden. Kürzlich haben sie im TV wieder einmal den Sturz von Daniel Albrecht von 2009 gezeigt. Unfassbar wie er kurz vor dem Ziel gecrasht war. Unfassbar, dass er noch lebt und später sogar noch einmal Rennen gefahren ist. Solchen Horror will ich nicht sehen. 

 

Da ist mir das Lauberhorn mit seiner Wintermärchen-Landschaft lieber. Kaum etwas kann das Schweizer Fernsehen besser übertragen. Die Zeitlupen, die schönen Aufnahmen, die Emotionen. Perfektion. Ich drücke meine Nase nur schon an den Bildschirm, wenn der Reporter in die Bahn einsteigt und mitten unter den Fans einen der Stars interviewt. Das ist Volksmusik. 

 

Und ein wenig Nervenkitzel bietet das Lauberhorn ja auch. Auf der längsten Abfahrt im Weltcup-Kalender dauert die Fahrt gefühlte zehn Minuten. Aber erst kurz vor dem Ziel kommt eine fiese Passage: das Ziel-S. Wer es nicht sauber erwischt, hat keine Chancen auf den Sieg mehr. Da kann man vorher noch so gut unterwegs gewesen sein. Das ist Drama. 

 

Aber eben, in diesem Jahr fällt das Drama aus. Nichts mit Ablenkung. Denn das eigentliche Drama beschäftigt uns schon bald ein Jahr. Das Ende ungewiss.