Die Liebe gekündigt

Das Bedauern beim Aboservice schien nicht allzu gross. Vielleicht gehört es zur täglichen Routine, dass jemand die Zeitung abbestellt. Dabei hatte ich doch noch kurz und knapp mitgeteilt, weshalb ich das Abo kündige. Als Antwort erhielt ich lediglich eine Bestätigung. Zack - und vorbei war die Beziehung.

 

Eine Beziehung, die irgendwann in den frühen 90er-Jahren begonnen hatte. Zwar hatte ich damals noch kein Abo. Trotzdem las ich damals schon regelmässig den Tages-Anzeiger. Am liebsten kaufte ich ihn beim Absacker im "Johanniter". Die frischgedruckte Zeitung wurde damals bereits um Mitternacht herum verkauft. Damals gab es auch noch kein Internet - jedenfalls war es nicht so verbreitet und alltäglich wie heute. 

 

Die Zeitung war damals noch richtig fett. Für den Stellenanzeiger wurden ganze Wälder abgeholzt. Und auch wenn man eine Wohnung suchte, musste man einen Blick in die Zeitung werfen. Was in jener Zeit inhaltlich so in der Zeitung stand, das habe ich längstens vergessen. Nicht vergessen habe ich, dass im Tagi im tolle Autorinnen und Autoren geschrieben haben. Das Highlight der Woche war jeweils am Samstag das "Tagi-Magi". 

 

Auch heute noch schreiben tolle Autorinnen und Autoren im Tagi. Sie sind aber mittlerweile dünn gesägt. Viele haben die Zeitung in den vergangenen Jahren verlassen. Einige sind geblieben. Vor allem im Sportteil finden sich immer noch schöne Artikel. Morgen zum Beispiel vermutlich der Nachruf auf Heini Oechslin. Der Text endet mit dem Satz: "Am 4. Januar ist der Patron unseres Fussballparadieses im Alter von 87 Jahren verstorben." Im Text reist der Autor zurück in seine Kindheit, taucht ein in dieses Paradies und würdigt den Patron, der ein wohl zu den guten Menschen gehört hat, in den Online-Kommentaren findet sich kein einziges böses Wort - eine Seltenheit in der heutigen Zeit! Für solche Texte abonniere ich eine Zeitung gerne. 

 

Die Krux: Den Text habe ich heute online gelesen. In der Zeitung, so meine ich, war er noch nicht. Wahrscheinlich ist das also erst morgen der Fall. Heute gilt die Devise "online first". Und wenn eh schon vorher alles online ist, braucht man keine Zeitung mehr. Daran kann man sich noch gewöhnen. An Anderes kann ich mich schlechter gewöhnen: zum Beispiel die Corona-Berichterstattung im Tagi. Da wird Angst und Schrecken verbreitet, dass es nicht mehr gesund ist. Um mich vor Panik zu schützen, schaue das Blatt lieber nicht mehr. Aber auch bei anderen Artikeln denke ich mir jeweils "Auweia". Mittlerweile gibt es im Tagi derart viele "Auweia"-Artikel, dass ich auf eine Verlängerung des Abos verzichte. Das fällt mir zwar nicht leicht, weil wir schöne Zeiten hatten. Und wenn ich Texte, wie heute den Nachruf lese, werde ich fast rückfällig. Aber immer, wenn ich denke, so schlimm ist es ja doch nicht, stosse ich kurz darauf auf ein "Auweia", und dann finde ich den Schritt doch richtig. 

 

Ein guter Aboservice hätte meinen Wankelmut vielleicht erkannt. Stattdessen wird einfach routiniert ein Standart-Mail verschickt. Man kann es sich beim Tagi offenbar leisten.