Von Fritz fasziniert

Ich bin schon einige Male umgezogen. Immer mit dabei waren die mit Büchern vollgestopften Bananenschachteln. Welch eine Schufterei, die Schachteln von einem Ort zum anderen zu buckeln. Ausgepackt wurden sie nur selten. Bücher in ein Regel zu stellen, war mir stets etwas peinlich. Lesen ist etwas Intimes. 

 

Irgendwann war ich es leid, die Bücher weiter mit mir rumzuschleppen. Deshalb habe ich sie vor einigen Jahren im Brockenhaus entsorgt. Natürlich vermisse ich sie manchmal - so wie alte Freunde. Mit manchen Büchern verbringt man schliesslich eine gute Zeit, hat schöne Erinnerungen an sie, andere haben einem in schlechten Zeiten getröstet. Jetzt sind diese Freunde fort. Weiss Gott, wo sie heute sind. 

 

Ein Freund ist mir aber geblieben. Ein Buch habe ich nicht entsorgt: Das Dürrenmatt Lesebuch. Es ist eines der wenigen Bücher, welches ich immer wieder zur Hand nehme. Es hat sogar einen Platz im Regal erhalten. Besonders gefallen mir die Gedichte. Und eine Geschichte begleitet mich schon lange durchs Leben: "Der Tod des Sokrates". 

 

Das liegt - vielleicht überraschend - nicht am Schulunterricht, sondern an Linard Bardill. Als Schüler hatte ich eine CD von ihm. Heute ist er ja vor allem für seine Kinderlieder bekannt. Damals machte er noch etwas andere Musik - macht er auch heute noch, aber die Kinderlieder stehen mehr im öffentlichen Fokus. Jedenfalls handelte auf besagter CD ein Lied von Friedrich Dürrenmatt. Im Intro ist der Schriftsteller zu hören: "Sokrates blieb Sokrates, eine Fähigkeit, welche die wenigsten besitzen, zuerst sind sie Kinder, dann werden sie Männer, und wenn sie Männer geworden sind, werden Politiker, Feldherren, Dichter, Helden oder sonst etwas, nur nicht sich selber." 

 

Ich mag den Text, und ich mag die Stimme, den Sound von Friedrich Dürrenmatts Stimme. 

 

Natürlich habe ich mich danach auf Spurensuche gemacht, wollte mehr über diesen Schriftsteller erfahren. Dabei stiess ich auf Faszinierendes; zum Beispiel seine Handschrift.

Auf dieser Postkarte sieht sie anders aus, als ich sie in Erinnerung habe. In einem Museum war nämlich einmal eines seiner Notizbücher ausgestellt. Darin standen so seltsam eckige Buchstaben. Es war wunderbar, die Notizen dieses grossen Denkers zu bestaunen. Unsereiner sudelt ja tagein, tagaus viele Buchstaben auf den Notizblock. Im Museum landen sie nicht, aber im Papierkorb. 

 

Ebenfalls fasziniert war ich von einem Foto von seinem Schreibtisch. Ein Universum für sich. Allerhand sammelte sich dort an: Papier und Schreiber, Pfeife und Tabak, Messer und Wein. Und irgendwo hinter dem Nebel sitzt der paffende Dichter in einem Sessel. 

Es gibt ein wunderbares Buch "Dürrenmatt in Bildern", in welchem man die Welt des Schriftstellers und Malers entdecken kann. Gerne hätte ich es zur Hand genommen. Ich war mir fast sicher, dass es auch den Weg ins Regal gefunden hat. Es ist aber nicht da. Da bleibt nur die Vermutung; entweder ist es geklaut worden ist oder es befindet sich in einer Bananenschachtel. Zusammen mit den neuen Freunden, die ich seit der Entrümpelung dort versammelt haben. 

 

Bilder: ETH Bildarchiv