Mein erstes Mal

Mit 43 Jahren kommt eine lange Liste zusammen mit Sachen, die man irgendwann zum ersten Mal gemacht. Am Anfang haben die Eltern noch penibel buchgeführt. Das erste Lächeln, die ersten Schritte, das erste Mal "Mama". Alles dokumentiert in einem Fotoalbum. Die Liste bricht allerdings schon nach wenigen Wochen ab. Alle anderen ersten Mal sind so vor allem Erinnerungen - wenn überhaupt. Manches hat man auch einfach schlicht vergessen. 

 

Oder wer erinnert sich an das erste Mal Zähneputzen, das erste Mal den Radio einschalten, das erste Mal die Finger verbrannt? Also ich nicht. Vieles liegt im Nebel. Manches ist aber noch voll da im Bewusstsein. Das erste Mal alleine ohne die Eltern nach Paris. Im Sommer 1994. Kein Platz reserviert im Nachtzug. Blieb nur die Plattform. Aber auch so wurde es Paris. Am Bahnhof am liebsten gleich wieder nach Hause. Fremde Stadt, fremde Sprache, fremde Leute. Ein Zimmer ohne Bad. Duschen im Einkaufszentrum. Ums Eck das Centre Pompidou. Draussen auf dem Platz hübsche Frauen und doofe Strassenkünstler. Schöne Erinnerungen. 

 

Auch heute noch gibt es bei aller Routine das erste Mal. Und das sogar häufiger als man denkt. Eigentlich müsste ich dieses Jahr mal eine Liste anfertigen, welche Sachen ich 2021 zum ersten Mal mache. Am 2. Januar würde dort stehen: Zopf machen. Am Sonntag gibt es bei uns in der Regel immer Zopf.

 

Meine Aufgabe ist es somit jeweils am Sonntagmorgen auszurücken und Zopf einzukaufen. Kürzlich grätschte aber der Bundesrat dazwischen und verschärfte die Corona-Regeln. Online musste vor ein paar Wochen lesen, dass die Geschäfte sonntags geschlossen bleiben und es folglich auch kein Zopf zu kaufen gibt. Blöd, gehöre ich doch zur Generation, die die Einkaufsgewohnheiten darauf ausgerichtet haben, dass die Läden praktisch rund um die Uhr geöffnet sind. Wann immer etwas fehlt, wird es besorgt. 

 

An besagtem Sonntagmorgen liess sich aber kein Zopf organisieren. Und auch das Brot war alle. Kurzerhand kochte ich also zum Frühstück eine Pfanne Spaghetti. Spaghetti gehen ja immer. Zum Zmittag, zum Znacht, nach dem Ausgehen: wieso also nicht auch zum Frühstück? Bei den Kindern stiess das ungewohnte Frühstück aber nur auf mässig Gegenliebe. Immerhin buk meine Frau dann kurzerhand selber einen Zopf. Dieser gab's dann aber erst am Nachmittag. 

 

Fast hätte sich an diesem Wochenende die Geschichte wiederholt. Wobei ich nicht einmal sicher bin, ob die Geschäfte immer noch keinen Zopf verkaufen dürfen am Sonntag. Egal. Denn selbst ist der Mann. Ich holte den Tiptopf aus dem Regal, Mehl und Hefe aus der Vorratskammer und Butter und Milch aus dem Kühlschrank. Danach wurde geknetet. Und weil ich mal gelesen hatte, dass Kneten das A und O sei, knetete und knetete ich als sei der Teig die kostbaren Waden Ronaldos.

 

Als Ronaldos Waden geschmeidig vor mir lagen. Beförderte ich den Teig zurück in die Schüssel, damit er aufgehen konnte. Danach kam dann die schwierige Aktion: das Zopfen. Die ersten Schritte sind im Tiptopf gut bebildert, aber nachher nicht mehr. Das hat man dann meinem Zopf irgendwie auch angesehen. Aber keine Details: Mein erster selbst gemachter Zopf sah ganz anständig aus. Und zu meiner Erleichterung schmeckte er auch gut. Mir natürlich doppelt. Damit wäre auch dieser Punkt abgehakt. Was ist wohl mein nächstes erstes Mal?