Die Schweiz wird quadratisch

In Visp steigen eigentlich immer viele Leute in den Zug ein. Seit dem Bau der Neat liegt das Wallis nahe. Eine Stunde nur noch braucht man von Bern nach Visp. Mit dem Auto schafft man dies nie in der selben Zeit. Weil man das Auto in Kandersteg auf den Zug verladen muss. Das braucht Zeit. Vor allem jetzt, da gebaut wird. Am Radio haben sie auch schon zwei Stunden Wartezeit gemeldet. 

 

In zwei Stunden fährt man mit dem Zug von Zürich nach Visp. Deshalb hat es auch immer viele Reisende. Die SBB-App ist zwar jedesmal optimistisch und prognostiziert eine tiefe Auslastung. Die Erfahrung sagt aber das Gegenteil. Und tatsächlich herrschte auch heute wieder Gedränge - und das in Zeiten, in denen man Distanz halten sollte. 

 

Zum Gedränge tragen allerdings auch die engen Abteile bei. Es gibt kaum Platz, um das Gepäck zu platzieren. Insbesondere, wenn alle mit grossen Koffern und Skiern unterwegs sind, so wie heute. Dann ist Bergsteigen im Zug angesagt. Nach knapp einer halben Stunde Fahrzeit meldet sich der Kondukteur und ermahnt die Fahrgäste, sich das nächste Mal besser auf den Zug aufzuteilen. Denn in Wagen 7 und 8 habe es noch über 100 freie Plätze. Strenggenommen mag das Stimmen, da einzelne Plätze grosszügig mit Gepäck besetzt werden. Aber wer hat schon Lust, sich in Corona-Zeiten, Schulter an Schulter mit einer fremden Person in ein Abteil zu setzen?

 

Und Fremde sind auf dieser Strecke immer viele unterwegs. Aus allen Gegenden der Schweiz reisen die Leute zurück nach Hause, auch Touristen hat es. Vielleicht sogar flüchtige Briten? Heute hatte es viele Familien. Trotzdem war die Fahrt ruhig. Es wurden keine grossen Reden geschwungen. Nicht einmal ein lästiger Telefonierer hatte es im Zug. Alle sassen ruhig hinter ihren Bildschirmen. 

 

Es lohnte sich also nicht, die Leute zu beobachten. Stattdessen der Blick in die Landschaft. Zwischen Visp und Zürich ist das zwar gar nicht so oft möglich, man fährt viel im Tunnel. Das ist der Preis für die kurze Fahrzeit. Es bleibt nur ein kurzer idyllischer Blick auf den Thunersee. Dann taucht man auch schon ein ins Mittelland. Ein Land, das sich rasend schnell verändert, das förmlich zu betoniert wird. An der ganzen Strecke entlang entstehen grosse, viereckige Häuser. Was für eine Architektur? Quadratisch, praktisch, ungut. Die Häuser stehen quasi in Achtungstellung  entlang der Strecke. Diszipliniert, funktional, kalt. Die Schweiz wird zur Kaserne. 

 

Möchte man in dieser Gegend leben, fast schleicht sich ein wenig Bedauern ein mit den Spaziergängern, die in dieser trostlosen Landschaft unterwegs sind. Aber auch das kann Heimat sein.