Die Sitten sind etwas rauer

Das erste Mal muss vor circa 20 Jahren gewesen sein. Fasziniert vom Spektakel in der Halle blieb ich hängen. Kostümierte Leute im Publikum feierten eine wilde Party, sangen Lieder, johlten, tranken Bier. 

Und auf der Bühne dicke Männer, die Pfeile präzise auf das Brett warfen. Tätowierte Haudegen, furchterregende Genossen, Zeugen der Seefahrernationen. Ein übertrumpfte alle mit seiner Präzision: Phil Taylor. Fast immer, wenn sich Ende Jahr die besten Darts-Spieler in London zur WM trafen, stand er am Ende auf dem Siegertreppchen. 

 

Das Publikum war von ihm besonders entzückt und widmete ihm einen eigenen Fan-Song, „Taylor Wonderland“. Aus lauten Kehlen dröhnte es jeweils „There‘s only one Phil Taylor, one Phil Taylor. Walking along, singing this Song, walking in the Taylor Wonderland!“ Genial! 

 

Fast keiner der Männer konnte mit „The Power“ mithalten, bis ein Holländer auftauchte: Raymond van Barnefeld. Er enthronte gleich bei seiner ersten Teilnahme an der WM den unbesiegbaren Phil Taylor und holte 2007 den Titel. Fortan herrschte an der WM auch immer so etwas wie das Duell zwischen dem Engländer und dem Holländer. Freilich blieb es van Barnefelds einziger Titel. 

 

In den ersten Jahren, in welchen ich dieses Spektakel mitverfolgte, genoss Darts bei uns noch kaum Aufmerksamkeit. Heute ist es ziemlich hip und die Medien berichten gross darüber. Dazu beigetragen hat Sport 1 mit seinen Kommentatoren. Vor allem der exzentrische Spieler und Co-Kommentator Roland Scholten war Kult. „Er macht Drück“ gehört heute zu den geflügelten Worten. 

 

Je mehr die Aufmerksamkeit stieg, desto mehr professionalisierte sich die ganze Angelegenheit. Das jedenfalls der Eindruck von aussen. Neue, immer bessere Spieler betraten die Bühne. Die Bäuche sind in der Regel zwar immer noch gross. Es ist aber wohl nur eine Frage der Zeit, bis voll austrainierte Athleten das Kommando übernehmen und eventuell den Reiz des Ganzen allmählich zu nichte machen. Die voll professionalisierten Sportarten, wie zum Beispiel die Formel 1, haben ja brutal an Attraktivität eingebüsst. 

 

Phil Taylor ist längstens abgetreten. Er konnte mit den Jungen nur noch schwer mithalten. Der neue Dominator ist Michael van Gerwen. Zum Glück gibt es aber noch Spieler, die ihm Paroli bieten können: vor allem der Schrille Peter Wright. Markenzeichen: Irokesenfrisur und Gesichtsbemalung. Da werden sogar voll tätowierte Fussballer neidisch. Und bei so manchen Gestalten dürfte es sogar unseren Schwingern etwas mulmig werden. Titelchancen hat etwa auch noch Gerwyn Price. Er war früher Rugbyspieler und das sieht man seinen dicken Oberarmen an. Der Waliser gilt als Bad Boy der Szene und musste wegen seines unsportlichen Verhaltens schon hohe Bussen bezahlen. Er hatte einen der anderen Superstars, Gary Anderson, vor dem Publikum beleidigt. Die Sitten sind etwas rauer.

 

Gut möglich, dass die beiden an der aktuellen WM im Finale aufeinander treffen. Spektakel wäre garantiert. Sogar, wenn in dieses Mal wegen Corona das verrückte Publikum nicht dabei ist. Das Finale ist am 3. Januar.