Silvesterkläuse verzichtet auf Spektakel

Das Appenzeller Hinterland geriet in diesem Corona-Jahr zwei Mal nicht gerade schmeichelhaft in die Schlagzeilen. Einmal nachdem sich eine Hochzeitsgesellschaft nicht an die Regeln gehalten und für einen Super Spreader gesorgt haben soll. Das andere Mal als sich Jodler zu einem Saufgelage in einer Beiz getroffen hatten - ganz so als gäbe es keine Distanzvorschriften. 

 

Gerade für Städter muss deshalb klar sein, dass im Appenzellerland - so wie sie es wohl schon vorher vermutet haben - ein Volk von Hinterwäldlern leben muss. In Zeitschriften ist bereits zu lesen, dass dieses Völkchen eben SVP wählt - also ausländerfeindlich und dumm ist - und sich einen Dreck um Corona schert. 

 

Verstärkt wird dieser Eindruck auch durch manche Silvesterkläuse, die nach dem Verbot, in den sozialen Medien ihrer Enttäuschung Ausdruck verliehen haben. Und meinten, man solle einfach trotzdem klausen gehen.

 

Wer weiss, mit wie viel Leidenschaft und Herzblut die meisten Silvesterkläuse bei der Sache sind, ist über diese Enttäuschung nicht überrascht. Dieser Tag mit Freunden von Haus zu Haus zu ziehen, mit in stundenlanger Arbeit gefertigten Kostümen und dem gemeinsamen Singen der Zäuerli muss etwas ganz Spezielles sein. Schon als Zuschauer bekommt man Gänsehaut, wie muss es da wohl erst für die Aktiven sein? 

 

Dass dieser Brauch in diesem Jahr nun nicht möglich ist, dass das Silvesterklausen ausfällt, das dürfte manch einen betrüben - wohl auch die vielen Hundert Zuschauer, die sich jeweils in den Dörfern versammeln, um live dabei zu sein. Und genau diese Schaulustigen dürften dann auch das Hauptproblem sein. Dass dieser Besucheraufmarsch zurzeit nicht möglich ist, das ist wohl allen klar. Aber sobald der erste Silvesterchlaus in den sozialen Medien Widerstand ankündigt, ist wohl auch klar, dass Schaulustige vor Ort gehen werden, um zu schauen, ob trotzdem geklaust wird. Und natürlich wird das dann alles postwendend auf Facebook und Instagram dokumentiert. 

 

Und dann hat man dann den Salat. Die Hinterwäldler werden es wieder in die Schlagzeilen schaffen als Volk von Covidioten. Drum wär‘s einem als Appenzeller irgendwie lieber, wenn die Silvesterkläuse in diesem Jahr zu Hause bleiben. Das Trötzelen gegen die Obrigkeit ist kontraproduktiv. Zwar würde es vielleicht von einigen Seiten Applaus geben, bei der Mehrheit würde aber bestimmt Unverständnis herrschen und so das Image des schönen Brauchtums beschädigt werden.

 

Ein Leserbriefschreiber hat kürzlich in der Appenzeller Zeitung ausserdem die These widerlegt, dass sich die Silvesterkläuse noch immer den Verboten der Obrigkeit widersetzt hätten. 1965 wurde auch nicht geklaust - und zwar wegen der Maul- und Klauenseuche. Alle öffentlichen Veranstaltungen (Tanzanlässe, Abendunterhaltungen und Vereinsversammlungen) waren verboten. Die Appenzeller Zeitung berichtete am 3. Januar 1965: „Der schwere Seuchenzug, der ausgerechnet über das Jahresende am meisten Opfer forderte, liess die ganze Bevölkerung solidarisch mit den Bauern empfinden, dass dieses Jahr in Stille verabschiedet werden sollte. So war denn im Kantonshauptort in den Stunden vor und nach Jahresbeginn recht wenig Spektakel gemacht worden. Nur wenige Menschen waren unterwegs; die meisten liessen das Jahr zuhause ausklingen.“ (Quelle: Appenzeller Volksfreund, 30.12.2020)

 

Und so ist zu hoffen, dass auch dieses Mal die Solidarität spielt und kein Spektakel gemacht wird.So schwer es auch fallen mag, für einmal auf diese Tradition zu verzichten. Das höchste Gut ist die Gesundheit.

 

Bildquelle: appenzellerland.ch