Und jetzt auch noch Schalke

In den vergangenen zweieinhalb Jahren war Borussia Dortmund ganz klar mein Lieblingsteam in der Bundesliga. Das hatte vor allem einen Grund: Lucien Favre. Er, der in den 2000er-Jahren aus dem Verliererteam FC Zürich eine Siegermannschaft gemacht hat. Und dann führte er im Ausland auch Hertha, Mönchengladbach und Nizza in die Spitzengruppe. Er ist also ein Könner. Und das in einem Metier, in welchem viele eine grosse  Klappe haben, aber auch nicht viel mehr. 

 

Vor zweieinhalb Jahren erhielt Favre dann die Chance, mal ein richtiges Spitzenteam zu übernehmen. Zwar nicht die ewige Nummer 1 der Bundesliga, den FC Bayern München, sondern die potenzielle Nummer 2, Borussia Dortmund. Allerdings hatte der BVB nach den Meisterjahren unter Jürgen Klopp auch einige Leistungsdellen. Favre brachte die Mannschaft aber schnell wieder auf Kurs. Zwei Mal reichte es zum 2. Platz, aber eben nicht zur Meisterschaft. Und mit der Zeit wurden die Zweifel und die Kritik an Favre immer grösser. Im Dezember folgte dann die Entlassung. Als Nachfolger wurde einer seiner jungen Assistenztrainer zum Chef befördert. Eine Massnahme, die vermutlich keinen Erfolg bringen wird. Es ist als sollte in der Scala der Garderobiere Pavarotti beerben. Unmöglich. Favre ist auch ohne Titel mit dem BVB ein Meistertrainer. 

 

Durch die Entlassung Favres hatte die Bundesliga für mich etwas an Reiz eingebüsst. Und das ausgerechnet jetzt in der Corona-Zeit, wo man so richtig viel Zeit hat für Sofasport. Aber Schalke 04 hat meinen Kummer offenbar erahnt und überraschend einen anderen Schweizer Trainer verpflichtet. Christian Gross. Er, der sich eigentlich bereits in die Pension verabschiedet hatte. In den Sozialen Medien ist man gar nicht erfreut über die Verpflichtung des Schweizer Rentners. Schon bei Favre konnte ich mitverfolgen, dass scharf geschossen wird im Ruhrpott. Auch Gross steht bereits im Kugelhagel der sozialen Scharfrichter, und das noch bevor er überhaupt eine Partie bestritten hat. 

 

Anscheinend hat man von einem namhafteren Trainer geträumt. Und das obwohl die Ausgangslage gelinde gesagt beschissen ist. Schalke ist zum Verliererteam mutiert. Die Mannschaft ist in der Meisterschaft seit 29 Spielen ohne Sieg. Der Negativrekord von Tasmania Berlin wankt. Die Berliner blieben in der Saison 1965/66 31 Spiele ohne Erfolg. Man sollte bei Schalke den Mund also lieber nicht zu voll nehmen. Zumal mit Christian Gross womöglich genau der passende Mann verpflichtet wurde. 

 

In der Schweiz hat Gross sehr erfolgreich gearbeitet: erst bei Wil und GC, bevor er den FC Basel wieder zu einem Spitzenteam gemacht. Damals waren die Basler beim Rest der Schweiz fast schon verhasst, weil sie so erfolgreich waren. Für den FC St. Gallen war damals kaum etwas schöner als ein Sieg gegen den FCB. Und dann gab es 2006 ja auch die "Schande von Basel" - als der FC Zürich - mit Favre an der Seitenlinie - in der Nachspielzeit den FC Basel entthronte und den Titel holte. Laut Wikipedia war Basel damals in 59 (!) Heimspielen unbesiegt geblieben. Dann aber in der 93. Minute das Tor von Filipescu - Sieg für Zürich. In der Folge stürmten Basler Hooligans auf das Feld. Unfassbar. Unvergessen. Ich weiss noch genau, wo ich das Spiel im TV mitverfolgte. 

 

Christian Gross war damals eine prägende Figur. Übrigens mich dünkt, sein damaliger Torhüter und heutige TV-Experte, Pascal Zuberbühler, spreche noch heute genau gleich wie der grosse Trainerzampano. 

2009 war die Ära Gross in Basel dann zu Ende. Er wechselte später in die Bundesliga und rettete den VfB Stuttgart vor dem Abstieg. Nicht nur das: Er führte die Mannschaft von einem Abstiegsplatz noch bis in den Europacup . Er hat also seine Qualitäten als Feuerwehrmann also eindrücklich unter Beweis gestellt - auch wenn das schon einige Jahre her ist. Christian Gross verfügt über die Qualitäten auch Schalke vor dem Abstieg zu retten - trotz zuletzt 29 erfolglosen Spielen. 

 

Ich werde das jedenfalls mit Interesse mitverfolgen und somit die restliche Saison nicht mehr dem BVB, sondern dem Erzrivalen Schalke die Daumen drücken. Auch das noch. Als wäre das 2020 nicht schon seltsam genug gewesen.