Zugfahren ist wie RTL2

Bild: RTL2
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Beim Zugfahren erlebt man das pralle Leben. Einer der letzten Treffpunkte, wo Leute aus allen Schichten zusammentreffen: Büezer, Asylanten, Schüler, Rentner, Anzugträger, Touristen, Hundebesitzer, Skifahrer, Kinder, Mütter, Zeitungsleser, Kebab-Esser, Raucher, Nichtraucher, Biertrinker. 

 

Manchmal sind einem die Begegnungen im ersten Moment lästig. Es kann aber auch erheiternd werden. Zum Beispiel heute: Ich war fast alleine im Wagen. Es gab viele freie Plätze. Doch im letzten Moment ächzte und stöhnte ein etwas korpulenterer Herr die Treppe hoch. In der einen Hand einen Koffer, in der anderen Hand sein Smartphone. Natürlich telefonierte er. Die Züge sind ja die neuen Telefonkabinen. Natürlich konnte er sich nicht auf einen der vielen freien Plätze setzen. Nein, er benötigte meine Gesellschaft und setzte sich bei mir hin. Nennen wir diesen Herrn Passagier 1. Es hatte noch einen zweiten: Passagier 2. 

 

Passagier 1: "... sie hat doch das Abitur mit der Note 1 abgeschlossen." 

 

Durchsage: " ... dieser Zug fährt ohne Halt bis Winterthur!"

 

Der Zug fährt los. 

 

Passagier 1: "... ich würde einen Stundenlohn von 600 Euro vorschlagen."

 

Ein Telefon klingelt. 

 

Passagier 2: "Ich sitze im falschen Zug. Er fährt ohne Halt bis Winterthur. Ich komme etwas später." 

 

Passagier 1 will etwas im Abfalleimer entsorgen. Es scheppert. 

 

"Jetzt habe ich den ganzen Abfalleimer ausgeleert." 

 

Und wieder klingelt ein Telefon.

 

Passagier 2: "Ich habe den falschen Zug genommen. Ich steige in Winterthur um." 

 

Passagier 1: "... sie will jetzt in einer polyamourösen Beziehung leben."

 

Passagier 2: "Hallo, ich sitze im falschen Zug. Ich habe ihnen bereits mitgeteilt, dass ich etwas später komme." 

 

Passagier 1: "Ich habe nicht viel Zeit einkalkuliert. Um 14.20 Uhr bin ich dort. Um 15.20 Uhr geht der Flug." 

 

Passagier 2: "Ich sitze im falschen Zug. Er hält nicht in Wil." 

 

Im Zug sind die Beziehungen nie von Dauer. In Winterthur wechselte Passgier 2 den Zug. Wünschen wir ihm Glück, dass er es doch noch ans Ziel geschafft hat. Und Passagier 1 verliess den Zug am Flughafen. Den Abfall liess er übrigens einfach liegen. Gruusig. Aber etwas mehr über die polyamouröse Beziehung hätte natürlich gerne erfahren. 

 

Zugfahren ist eben manchmal wie RTL 2. Sie wissen schon, dort gibt es hochstehende Dokumentationen über all die Menschen, die unseren Planeten besiedeln.