Das war mal meine Heimat - Ein Streifzug

Zum letzten Mal hier war ich kurz bevor alles abgerissen wurde. Ein Mann schüttelte den Kopf, als ich über den Haag kletterte, um ein Abschiedsfoto zu machen. Als ob es noch eine Rolle spielte, wenn ich den Löwenzahn niedertrampelte. Am anderen Tag fuhren nämlich die Bagger auf - seither ist fast nichts mehr so, wie es mal war. 

 

Nichts erinnert mehr daran, dass wir hier draussen mal Fangen spielten oder Himmel und Hölle. Nichts erinnert mehr daran, dass ich Freddie Spencer nacheiferte und auf meinem Dreigänger Runden zwischen dem Bahnviadukt und den "Entli" drehte. Nichts erinnert mehr daran, dass wir auf die Teppichstange bolzten und stattdessen manchmal die Rosen trafen. Nichts erinnert mehr an den Hühnerstall oder den Hundezwinger, wo Nepomuk locker über den zwei Meter hohen Zaun sprang. Nichts erinnert mehr an die verschiedenen Gärten, an den kleinen Flecken Italien, an die Elefantenohren im Rhabarberbeet, ans Wasserhäuschen, wo die Krokodile wohnten.

 

Nichts erinnert mehr an früher. Alles futsch. Jetzt wohnt die Metrohm hier; Rückkehr nach Hause ausgeschlossen - Hölzli 1259 ist nicht mehr. 

Sicherlich: Niemand beklagt sich, dass die Metrohm als grosser Arbeitgeber in Herisau geblieben ist und im Hölzli seinen neuen Sitz gebaut hat. Für jemanden, der hier aufgewachsen ist, ist es allerdings schon krass zu sehen, wie sehr sich das Quartier verändert hat. Fast alles ist überbaut. Sogar Lidl, Aldi und einen Burger King gibt es jetzt. Das nennt man wohl Fortschritt. 

 

Heute mache ich um meine alte Heimat meistens einen Bogen. Ich bin jetzt ein Fremder hier. Doch heute unternahm ich, wie ein Tourist mit einer Kamera bewaffnet, einen ersten Streifzug. Gestartet bin ich beim ehemaligen Restaurant Raben an der Degersheimerstrasse. Es liegt oberhalb von Hölzli. Das steile Rabenport schlittelten wir früher runter. Seltener nahmen wir auch die Ski. 

    

Beim ehemaligen Startgelände stehen jetzt Hecken. Piste geschlossen. Vom "Raben" ging runter zu den "Entli". Vom einstigen Garten mit den Enten ist nichts mehr übrig. Es ist jetzt ein Spielplatz einer christlichen Schule. Gleich gegenüber befand sich früher in einem alten Bauernhaus das Pfadiheim. Es wurde längstens abgerissen. Stattdessen gab es zusätzliche Parkplätze für Huber + Suhner. Sie waren die ersten Vorboten der grossen Veränderungen.

 

Wir lebten ja immer mit der Gewissheit, dass es sich um Bauland in der Industriezone handelte. Man ging immer davon aus, dass eines Tages die Autobahn durchs Hölzli führen könnte. So richtig wahr haben wollte man jedoch nicht, dass eines Tages alles überbaut werden könnte. Erstens glaubt ja kein Herisauer, dass der Autobahnanschluss je kommt. Zweitens war das Gebiet einfach zu schön. Hier befande sich ehemals die grösste flache Wiese im Kanton. Es gab viele Bäume und Tiere. Ein Maisfeld. Spielende Kinder. Spaziergänger. Ein toller Ort zum Aufwachsen. 

 

Ich habe zwar selten auf dem benachbarten Bauernhof mitgeholfen. Trotzdem erinnere ich mich noch gerne an den "Same" und an den "Vevey". Das waren noch Traktoren. Die heutigen Maschinen sind ja teilweise absurd gross. Die Milch holten wir Buben jeweils mit dem Chesseli. Im Winter, wenn es kalt war, rissen wir uns nicht immer um diese Aufgabe. In der Regel gingen wir aber gerne in den Stall. Einmal rutschte ich auf dem nassen Boden im Milchrümli aus und holte mir eine Schnatter unter der Augenbraue. Ein Souvenir aus dieser Zeit habe ich also noch. 

Die Wiese wurde dann allerdings Stück um Stück kleiner. Erst surch die Parkplätze, dann wegen der Galvanik-Halle von Huber + Suhner. Später ereignete sich das Unvorstellbare: Cilander übernahm Signer. Die Textilunternehmen lagen gleich nebeneinander. Doch für uns war die Cilander etwas Finsteres. Denn im Hölzli gehörten wir zu den Signer-Kindern. Unsere Eltern arbeiteten bei Signer und wir wohnten in dessen Angestelltenhäusern. Die Durchmischung im Quartier war gross. Italiener, Spanier, Portugiesen, Griechen, Jugoslawen, Türken - mit Ausländern zusammenzuleben, gehörte zur Normalität. Und ja, ein paar Schweizer gab es auch. Meine Mutter hat jeweils die Kinder im Haus gehütet.


Ein tolles System. Damals waren Integrationsmassnahmen glaubs noch nicht so ein grosses Thema. Wir haben einfach alle miteinander gespielt. Und alle sprachen problemlos Mundart. Dafür ist ja meine wahre Nationalmannschaft eigentlich bis heute die Squadra Azzurra geblieben. Denn in den 80er-Jahren glänzte die Schweiz an den grossen Turnieren ja noch mit Abwesenheit. Und so halfen wir halt den Italienern. 

Tempi passati. Alles verändert sich. Heute hat das Quartier nichts heimeliges mehr. Ich habe damit gerechnet, dass man gar nicht mehr durchs Gelände spazieren kann. Doch es gibt immer noch einen Weg, allerdings mit veränderter Streckenführung. Wo der Bauernhof und unser Haus stand, kann man nur noch erahnen. Menschen sieht man fast keine. Bloss ein Mann im Anzug verlässt das Gebäude.

Beim Viadukt bin ich dann ins Hintere Hölzli abgeschwenkt. Auch hier steht jetzt ein grosser Industriebau - der Appenzellerpark. Nachdem ein grossteil des Gebäudes lange leer stand, verfügt er neuerdings über ein Spielparadies. Erhalten geblieben ist der Autounterstand. Wiesen gibt es im Hinteren Hölzli auch noch. Doch sie sollen ebenfalls überbaut werden. Jä nu. 


Ich gehe die Strecke weiter hinauf zur Überführung über die Geleisen. Hier sind wir oft mit den Hunden spaziert. Mit Freude habe ich festgestellt, dass es das Bänkli noch gibt. Nach über 20 Jahren habe ich mich wieder einmal drauf gesetzt  und den Ausblick auf Herisau genossen, bevor ich zur Tüfenau weitergegangen bin. 

 

Von der Tüfenau führte unsere Route jeweils über die "Psychi" zurück nach Hause. Von hier aus hat man bei schönem Wetter bis zum Silberturm in der Stadt gesehen. Das hat mich als Kind immer fasziniert. Wohlgefühlt habe ich mich auf dem Areal trotzdem nie so richtig. Es gab halt allerhand Leute hier. Aus den Gebäude drangen manchmal Schreie. Und ein Mann fuchtelte Mal mit den Händen vor meinem Gesicht rum. Ein anderer verkaufte selbstgemachte Gedichte: "Oh Schreck oh Graus, ich bin im Irrenhaus..." 

Tja, jetzt war ich mal wieder in meiner alten Heimat. Herisau ist mein Zuhause - und eben auch nicht. Ich bin ein Fremder in meiner Heimat. Haken drunter.  

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