Mit der Nummer 1 an der Bahnschranke warten

Die Tour de Suisse macht Halt im Oberwallis. Am Samstag das grosse Zeitfahren im Obergoms. Und weil wir gerade auch in der Gegend sind, lassen wir uns diese Chance nicht entgehen. Trotz suboptimaler Wetteraussichten.

 

Mit der MGB tuckern wir nach Ulrichen. Bestaunen hier unterwegs die Kehrtunnels, da die atemraubende Hängebrücke. Dann endlich nach fast anderthalb Stunden Fahrt Ankunft in Ulrichen. Schon vom Zug aus sehen wir die Fahrer, wie sie in aerodynamischer Position durch die Gegend rasen. Begleitet von Autos und Motorrädern und über den ganz guten Fahrern schwebt der Helikopter. 

Kurz nach dem Bahnhof stellen wir uns an den Strassenrand und staunen sogleich über die Fahrkünste der Fahrer. Zwei Mal hintereinander geht es scharf um die Kurve. Alle müssen aufpassen, nicht im Kies zu landen. Alle kommen um die Kurven. Die einen besser, die anderen weniger. Manchmal quietscht laut die Bremse. Mehr Mühe haben allerdings die Begleitfahrzeuge. Haarscharf an den Abschreckungen vorbei manövrieren sie sich durch die Kurven. Das ist definitiv nichts für Leute mit Reisekrankheit. 

Dann wagen wir uns zum Zielgelände vor. Dort gibt es auch Werbeartikel und Autogramme von Ex-Champ Fabian Cancellara sowie die grosse Bühne von SRF. Wann immer ein Fahrer sich dem Ziel nähert, klopfen die Zuschauer an die Abschrankung. Allzu viel ist am Ziel allerdings nicht los. Es hat zwar viele Leute, trotzdem finden wir Platz zum Mitklopfen. Sogar bei der Ziellinie gibt es noch einige fototechnisch gute Plätze. 

Von der Ziellinie laufen wir die Piste auf dem Flugplatz runter Richtung Start. Hier ist nichts mehr abgesperrt. Unter die Spaziergänger mischen sich die Fahrer, die gerade das Ziel erreicht haben und unterwegs sind zu den Mannschaftsbussen. Am Pistenrand steht Beat Breu. Auch ein Ex-Champ. 

 

Dann geht es links über die Bahngeleise zum Start. Gleich sind die besten Fahrer an der Reihe. Es gibt bloss ein Hindernis: die Bahnschranke. Gefühlte zehn Minuten bevor die Bahn durchfährt, ist die Schranke bereits geschlossen. Die Fahrer lassen sich nicht aufhalten und umkurven die Schranke. Kein Risiko. Die Bahnstrecke ist bolzengerade und übersichtlich. 

 

Einer nimmt es gemütlich: Nicolau Mas - der Fahrer mit der Nummer 1 auf dem Rücken. Er wartet, bis die Schranke öffnet und überquert dann die Schienen im Zuschauerpulk. 

Am Start gibt es allerdings erstaunlich wenig Zuschauer. Wir können uns ganz nahe an der Rampe positionieren. Die mageren Fahrer sind zum Greifen nahe und sind sogar noch zu Spässen aufgelegt. Der Zeitnehmer gibt die Zeit an: "One Minits..." Die letzten fünf Sekunden zählt er mit den Fingern runter. Ein anderer hält das Rand und lässt es dann pünktlich zum Start los. Und schon flitzen die Rennfahrer um die Kurve. 

 

Allzu lange sind sie für die gut 16 Kilometer nicht unterwegs. Kaum gestartet, erreichen sie schon wieder das Ziel. Die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt um die 50 km/h. Wahnsinn! 

Nicht zu den schnellsten gehören an diesem Tag die Schweizer. Auch nicht der Thurgauer Stefan Küng. Zeitfahr-Spezialist und Schweizer Meister. Das Zeitfahren gewinnt der Belgier Yves Lampaert. Lediglich achter wird Olympiasieger und TdS-Zweiter Rohan Dennis. Es gelingt ihm nicht, dem Gesamtführenden im gelben Trikot, Egan Bernal, viel Zeit abzuknüpfen. 

Als er ins Ziel einfährt, hat bei den Mannschaftsbussen längt das grosse Aufräumen begonnen. Die Rennräder werden gewartet und in den Bussen gibt es auch Waschmaschinen. Vor den Bussen sitzen einige Fahrer noch auf dem Velo auf der Rolle. Und der Walliser Steve Morabito hat Besuch von der Familie. Und einige Schritt weiter vorne, beginnt die Festmeile, wo die Fans das Zeitfahren gemütlich ausklingen lassen. Die Fahrer bekommen von alldem nichts mehr mit. Sie machen sich schnell aus dem Staub - schliesslich wartet morgen die Schlussetappe mit den drei Pässen Nufenen, Gotthard und Furka. 

Und wieder wecken mich Kanonenschüsse

Kurze Bibelkunde: An Heiligabend wird Jesus geboren,  an Karfreitag stirbt er und an Fronleichnam ist Lehrerkonferenz. 

 

Jedenfalls in meinem Heimatkanton ist an Fronleichnam  Lehrerkonferenz - im Wallis ist das anders. Es ist ein hoher Feiertag - samt Prozession im Dorf. In diesem Jahr sind wir sogar extra angereist. Eigentlich wollten wir den Zug nehmen, dann entschieden wir uns doch spontan fürs Auto. Womöglich eine Fehlentscheidung. Die Kinder mutierten auf den kurvigen Strassen zu Erlebnisduschen.

 

Dafür sind wir in Rothenthurm zufällig der Tour de Suisse begegnet. Das Feld ist in einem Affenzahn durchs Dorf gebrettert. Wir standen vis-à-vis vom Radarkasten. Er war gastfreundlich nicht in Betrieb. In der Stadt St. Gallen wäre dies eventuell anders. Dort wurden jedenfalls die Teilnehmer einer Classic-Rallye gebüsst. Freilich habe ich mich nicht in die Details vertieft. 

 

 

Das soll heute auch nicht das Thema sein. Es geht um die Prozession. Schon früh am Morgen böllerten von allen Hügeln die Kanonen. Für uns Herisauer ein Déjà-vu. Diese Woche hatten wir bereits Kinderfest. Da werden jeweils auch die Leute am Morgen mit Kanonenschüssen geweckt. Und bei uns sind danach die Trömmelibuebe unterwegs. Im Wallis die Trommler und Pfeifer. Die tönen für unbedarfte Auswärtige ein wenig nach Basler Fasnacht. 

 

Statt Schnitzelbänke gibt es aber einen Gottesdienst. Der langhaarige Rocker-Pfarrer war heute aber in einem anderen Dorf beschäftigt. Stattdessen übernahm ein Grüezi - also ein Deutschschweizer aus dem St. Galler Oberland. Vorteil: Man hat ihn verstanden. Die Kirche war vollbesetzt. Kein Wunder: Das halbe Dorf ist irgendwie involviert in den feierlichen Anlass. Im Mittelgang formierte sich die Ehren-Kompanie. Männer im Militärgewand mit Gewehren und Helmen. Die Trommler und Pfeifer waren auch da, der Kirchenchor ebenfalls. Und auch die Schützen-Veteranen. 

Vor dem Start der Prozession gab dann einer das Kommando, wer sich wo einzureihen hatte. Dann drehte der Umzug im Dorf eine Runde. Im Dorf waren zwei Altare aufgebaut, wo der Pfarrer kurz etwas sagte und mit dem WC-Beseli den Segen erteilte. Natürlich wurde auch wieder die Kanone abgefeuert. 

 

Zum Abschluss wurde in der Kirche noch Grosser Gott wir loben Dich gesungen. Dann gab es draussen Apero und pünktlich zum Apero auch Regen. Etwas das noch nie vorgekommen sein soll. Am Herrgottstag  - so wird Fronleichnam im Wallis genannt - habe es noch nie geregnet, berichteten die Einheimischen. Jedenfalls nicht während des Apero. 

 

Aber man reagierte gelassen und sass den Regen einfach aus. Nach Messe und Prozession lässt man sich im Wallis den Weisswein eben nicht so schnell verleiden. Amen. 

Facebook

Instagram


Abenteuer im Geisterhaus

Kürzlich habe ich Lost-Place-Fotograf Sacha Rüede für eine Reportage nach Norditalien begleitet. Ich habe dabei ein aussergewöhnliches Hobby sowie nette Leute kennengelernt. Etwas gruselig war es allerdings auch. Mehr lesen

Making of

Hier gibt's Einblicke, wie die Geschichten von Redaktionsleiter Patrik Kobler für die Appenzeller Zeitung entstanden sind. Mehr lesen 

Twitter

Blog

Die Nachbarn tragen Gehörschutz, die Geranien lassen ihre Köpfe hängen, die Gartenzwerge toben: Unser Quartier hat einen neuen Bewohner.  Mehr lesen